{"id":4475,"date":"2015-07-18T15:08:30","date_gmt":"2015-07-18T15:08:30","guid":{"rendered":"http:\/\/heidesch.de\/blog\/?p=4475"},"modified":"2015-08-24T14:09:13","modified_gmt":"2015-08-24T14:09:13","slug":"buch-ole-bienkopp-von-erwin-strittmatter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/heidesch.de\/blog\/?p=4475","title":{"rendered":"Buch &#8211; Ole Bienkopp von Erwin Strittmatter"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch\u00a0ist in den 60er Jahren erschienen und erz\u00e4hlt von der\u00a0Dorfgemeinde Blumenau in der Ole Bienkopp lebt und nach bestem Wissen und Gewissen Landwirtschaft betreibt. Das Leben sagt: der Freund Anton D\u00fcrr wurde\u00a0<span class=\"Apple-style-span\">von einem Baum<\/span> erschlagen, Frau Anngret zieht es zum S\u00e4gem\u00fcller Ramsch und was dieser\u00a0mit den Tod von Anton D\u00fcrr zu tun hat? Ungewiss. Ole Bienkopp krempelt die \u00c4rmel hoch und gr\u00fcndet in Antons Sinne\u00a0<em>BL\u00dcHENDES FELD<\/em>: einen b\u00e4uerlichen Zusammenschluss neuen Typus. \u00dcber das\u00a0Wirken und Gegenwirken in dieser Dorfgemeinschaft und in seinen politisch angeschlossenen Institutionen\u00a0erz\u00e4hlt das\u00a0Buch.<\/p>\n<p>Mir war nicht\u00a0bewusst, dass in den ersten Jahrzehnten der DDR, Texte entstanden, die so &#8230;unverbl\u00fcmt&#8230;\u00a0das Leben in der Republik beschrieben.<\/p>\n<p>Anbei das Kapitel\u00a0in dem der\u00a0Dichter Hans Hansen das Dorf f\u00fcr eine Lesung besucht. Sch\u00f6n, das Einlassen\u00a0des Publikums auf die Lesung und das Anbieten von\u00a0Nachhilfe in Sachen <em>Landgedichte<\/em>. <span class=\"Apple-style-span\">Hat was g\u00fcltiges: das Ringen um das Wesen des Tuns. Und immer heikel: vor Experten poetisch sein.\u00a0<\/span><!--more--><\/p>\n<hr \/>\n<hr \/>\n<p><i>Es gehen viele Leute zur Dichterstunde in den Tanzsaal von Gotthelf Mischer. Bekommt man alle Tage einen Dichter zu sehn? Hermann Weichelt und einige Altweiberchen sitzen mit gesenkten Blicken wie beim Gottesdienst. Auch der Pfarrer und seine Gemahlin sind gekommen. Sie setzen sich in die dunkelste Ecke des Saales. Franz Bummel freut sich: fast so viele Besucher wie damals beim Gasschlucker.<\/i><\/p>\n<p><i>Den Dichter Hans Hansen scheint der rege Zuspruch nicht weiter zu beeindrucken. Er hat ihn wohl zu verlangen? Seine Dichterpers\u00f6nlichkeit wird auf der einen Seite von Frau Stamm und M\u00e4rtke, auf der anderen Seite von Frieda Simson und Lehrer Sigel eingerahmt.<\/i><\/p>\n<p><i>Die gro\u00dfe Stunde der Frau F\u00f6rster Stamm! Dort steht sie: Madonnenfrisur, hochgeschlossenes Kleid aus Chinaseide, erf\u00fcllt von der Ehre der staunenden Dorfbev\u00f6lkerung, den Dichter vorzustellen. Dank dem Poeten, der ihrem sch\u00fcchternen Ruf folgte und die Fahrt in die l\u00e4ndliche Einsamkeit auf sich nahm!<\/i><\/p>\n<p><i>Karl Kr\u00fcger l\u00fcstet\u2019s mit der Peitsche zu knallen; aber hat er sie bei sich?<\/i><\/p>\n<p><i>Frau Stamm verbreitet sich \u00fcber die Dichtkunst im allgemeinen und das gesch\u00e4tzte Werk des hochverehrten Gastes im besonderen. \u201cDichten ist Kunst, und wo sie am unverst\u00e4ndlichsten ist, ist sie am tiefsten.\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Lehrer Sigel springt auf. \u201cGl\u00e4nzender Irrtum!\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Frau Stamm zeigt sich der Lage gewachsen. \u201cAllerdings gibt\u2019s Dichtungen, bei denen man nach einigen S\u00e4tzen wei\u00df, in welchen literarischen Niederungen man sich befindet. Schreibereien. Man braucht sie nicht zu Ende zu lesen.\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Zwischenruf von Sigel: \u201cIch habe nicht von Schematismus gesprochen, wenn\u2019s erlaubt ist.\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Scharfe Diskussion, noch ehe der Dichter eine Zeile las. Frieda Simson schaltet sich ein. \u201cSchluss mit Kaleika! Zur Gesch\u00e4ftsordnung! Ich erteile dem Genossen Dichter das Wort zu seinen Grundsatzausf\u00fchrungen!\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Dem Dichter Hans Hansen zittern die Lippen. Er f\u00fchrt sich selber ein: Ja, er hat viele Gedichte geschrieben, unendlich viele. Gedichte \u00fcber bekannte und weniger bekannte Probleme, \u00fcber Einzel- und Gemeinschaftsmenschen, \u00fcber die Natur und ihre Gesch\u00f6pfe, aber f\u00fcr hier und heute hat er die l\u00e4ndlichsten seiner Landgedichte herausgesucht und hofft auf wohlwollendes Verst\u00e4ndnis, Verzeihung.<\/i><\/p>\n<p><i>Die Leute setzen sich zurecht. F\u00f6rster Stamm sitzt in der ersten Reihe. Er wei\u00df nicht, ob er seine Frau bestaunen oder bedauern soll.<\/i><\/p>\n<p><i>Der Dichter pr\u00fcft den Sitz seiner Brille. Sie sitzt, wo sie zu sitzen hat. Er hebt das Manuskript, r\u00e4uspert sich und liest: \u201cLandeinsamkeit.\u201d Pause, denn das war die \u00dcberschrift. Der Dichter beobachtet die Wirkung. Die \u201cLandeinsamkeit\u201d st\u00f6\u00dft nur auf m\u00e4\u00dfige Zustimmung.<\/i><\/p>\n<p><i>In Hans Hansens Landgedichten wirken blaue Himmel und gr\u00fcne Wiesen mit, ab und zu auch ein rauschender Baum, dessen Gattung nicht n\u00e4her bezeichnet ist. Alle V\u00f6gel singen melodisch, keiner piept, und keiner schilpt, und die schwarzen Kr\u00e4hen tragen die trostlose Vergangenheit auf ihren Fl\u00fcgeln von dannen.<\/i><\/p>\n<p><i>F\u00f6rster Stamm h\u00e4lt das f\u00fcr unm\u00f6glich. Kr\u00e4hen sind Standv\u00f6gel.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Die Leute h\u00f6ren mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit. Hermann Weichelt streichelt mit hornh\u00e4utigen Fingern das goldenen Kreuz auf seinem Gesangbuch. Emma D\u00fcrr knispelt an einem Asternstrauss. Den Strau\u00df soll sie dem Dichter beim Theaterschluss \u00fcberreichen.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>M\u00e4rtke starrt den Dichter an. Bienkopp sucht die Gedanken des H\u00fchnerm\u00e4dchens zu erraten. Der Pfarrer senkt den Blick und z\u00e4hlt Parkettsprossen.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Hans Hansen hat in seinen Gedichten auch den Genossenschaftsgedanken nicht vergessen: Eine Kornblume steht am Feldrain. Sie l\u00e4chelt so blau vor sich hin. Die Genossenschaftsbauern pfl\u00fcgen den Feldrain um. Die blaublaue Kornblume wird untergepfl\u00fcgt. Kein Jammer. Das Bl\u00fcmchen hat gebl\u00fcht, nun ordnet es sich den menschlichen Pl\u00e4nen unter. Eine moderne Blume. Weh dem, der weint!<\/i><\/p>\n<p><i>\u201cDaraus kann man sich eine Weisheit abschneiden\u201d, fl\u00fcstert Hertchen Bullert.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>\u201cQuatsch, Kornblumen sind Unkraut\u201d, sagt Karle mit dem G\u00e4nsefl\u00fcgel.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Ein anderes von Hans Hansens Gedichten vertieft sich in das Seelenleben eines Einzelbauers. Jedes Jahr pflanzt der Bauer Vergissmeinnicht in seinen Vorgarten. Bald ist der ganze Garten blau. Die Leute bleiben stehn. Was soll das bedeuten? Will der Einzeling die alten Bauernzeiten nicht vergessen? fragen die Genossen. Sie stellen den Einzelbauern zur Rede. Der Bauer erkl\u00e4rt: Die Blaubl\u00fcmchen im Garten besagen, vergesst mich nicht in die Genossenschaft aufzunehmen! Ganz einfach. Wie sch\u00f6n ist das Einfache!\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Karl Kr\u00fcger schl\u00e4gt sich missbilligend auf den Schenkel. F\u00fcr einige Zuh\u00f6rer ist das der Auftakt zum Beifall. Der Beifall ist d\u00fcnn wie Tage alter Landregen.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Frau Stamm bittet, zur Aussprache zu schreiten. Die Aussprache wird l\u00e4nger als die Lesestunde.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Bienkopp \u00e4rgert sich \u00fcber M\u00e4rtke. Was starrt und starrt sie den Dichter an? Dieser Mensch ist vielleicht j\u00fcnger als Bienkopp, aber ist er vollbl\u00fctig? Sieht M\u00e4rtke nicht, dass dieser S\u00e4nger seine Glatze mit nach oben gek\u00e4mmten Randhaaren zudeckt? Bienkopp hat keinen Grund, in der Diskussion zur\u00fcckzustehn: Dichtung ist nicht sein Gewerbe, aber was er hier h\u00f6rte, war naiv. Gebimmel von Gl\u00f6ckchen.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>\u201cNaivit\u00e4t ist Dichterst\u00e4rke\u201d, sagt Frau Stamm.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>M\u00e4rtke meldet sich. Sie err\u00f6tet bis zu den Mausohren und stottert: Verzeihung, wenn auch sie als junger Kader sich erdreistet; Naivit\u00e4t kann auch Unwissenheit sein.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Emp\u00f6rung bei Frau Stamm.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>M\u00e4rtke wird beredsam. Sie will niemand beleidigen. Sie hat an sich selber gedacht. In der Stadt war f\u00fcr sie ein Baum \u2013 ein Baum. Genossenschaft \u2013 das waren Riesenfelder und umgepfl\u00fcgte Feldraine. Ein Huhn war ein Huhn, aber jetzt wei\u00df sie, dass tausend H\u00fchner tausend Gesichter haben.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Gro\u00dfes Gel\u00e4chter. Mutter Nietnagel springt M\u00e4rtke bei: Auch sie will niemanden zu nahe treten, doch einige Gedichte des Herrn Hansen wirkten wie ausgedacht.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>\u201cDenken und Dichten sind deutsche St\u00e4rken\u201d, sagt Frau Stamm.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>\u201cNein, nein, nein!\u201d Mutter Nietnagel sch\u00fcttelt sich. Kennt der hochverehrte Gast das neue Landleben? Wenn nicht, muss er\u2019s kennenlernen. Es ist nie zu sp\u00e4t. Die gute, alte Erde rollt noch. Mutter Nietnagel l\u00e4dt den Gast ein, eine Weile auf dem Dorfe zu wohnen, bitte.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Die Einladung findet auch Frau Stamms Beifall. Ein guter Vorschlag! Wenn Herr Hansen vorliebnimmt, kann er gern Gast auf der F\u00f6rsterei sein. Die F\u00f6rsterin nickt ihrem Mann zu. Der F\u00f6rster sieht sich gezwungen, zur\u00fcckzunicken.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Ein Gl\u00fcck, dass sich die beiden Diskussionslinien in diesem Punkte trafen. Man hat Erntefest zu feiern und kann nicht ewig um Gedichte streiten.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Der Dichter ist verwirrt. Stadt und Land sind f\u00fcr ihn nicht mehr getrennte Gerichte auf verschiedenen Tellern. Er f\u00fchlt sich freundschaftlich ausgezogen bis aufs Hemd und findet nicht einmal Zeit, beleidigt zu sein. Emma D\u00fcrr \u00fcberreicht ihm den Asternstrauss. \u201cDas Dorf gr\u00fc\u00dft den Dichter. Es dankt f\u00fcr die M\u00fche. Es wird schon noch werden, mein Junge.\u201d<\/i><\/p>\n<p><i>Beifall \u2013 ein Gewitterregen.<\/i><\/p>\n<div><i>\u00a0<\/i><\/div>\n<p>(aus <em>Ole Bienkopp<\/em> von Erwin Strittmatter)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch\u00a0ist in den 60er Jahren erschienen und erz\u00e4hlt von der\u00a0Dorfgemeinde Blumenau in der Ole Bienkopp lebt und nach bestem Wissen und Gewissen Landwirtschaft betreibt. Das Leben sagt: der Freund Anton D\u00fcrr wurde\u00a0von einem Baum erschlagen, Frau Anngret zieht es zum S\u00e4gem\u00fcller Ramsch und was dieser\u00a0mit den Tod von Anton D\u00fcrr zu tun hat? Ungewiss. 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